Es ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er so klar ist, so direkt, so unmissverständlich: „Wir gehen nirgendswohin für dich.“ In einer aufgeheizten Diskussionsrunde zur möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland ist aus einer abstrakten politischen
Frage plötzlich ein persönlicher Konflikt geworden, mitten in den Gesichtern und Stimmen derer, die es am stärksten treffen würde. Jugendliche, viele noch nicht volljährig, sprechen dort nicht über
Strategiepapiere und Schlagworte, sondern über Gewissen, Lebensplanung und die Angst, dass Erwachsene über ihr Schicksal entscheiden, ohne sie wirklich zu hören.Die Szene wirkt wie ein Brennglas für ein Land, das seit Jahren im Krisenmodus lebt. Krieg in Europa, geopolitische Spannungen, Debatten über Verteidigungsfähigkeit, dazu steigende Lebenshaltungskosten, Zukunftsangst und das Gefühl einer Generation, im politischen Alltag oft nur als
Zielgruppe vorzukommen, aber selten als ernst genommene Gesprächspartner. In dieser Mischung bekommt das Thema Wehrpflicht eine Sprengkraft, die weit über militärische Fragen hinausgeht.In der Runde melden sich Schülerinnen und Schüler zu Wort, nennen Namen, Alter und Schule. Giuliana, 22 Jahre alt, beschreibt, warum sie das Thema beschäftigt: Es gehe darum, was mit jungen Menschen passiere, die gerade 18 geworden sind. Wie sich ihre Perspektive verändert, wenn plötzlich ein verpflichtender Dienst im Raum steht. Und vor allem: Muss man dazu gezwungen werden oder sollte es freiwillig bleiben? Ihre Frage ist keine rhetorische. Sie ist eine, die Millionen Familien betreffen könnte, wenn Politik am Ende tatsächlich den Zwangsweg wählt.

Dann spricht ein weiterer Schüler, der im kommenden Juni 17 wird. Er sagt offen, dass es ihn persönlich betrifft. Er habe sich viel mit dem Thema beschäftigt und sich gefragt, ob er das mit seinem Gewissen vereinbaren könnte. In einem Satz steckt der Kern dessen, was die Debatte so emotional macht: Wehrpflicht ist nicht nur Organisationsfrage, sie ist eine Gewissensfrage. Sie zwingt junge Menschen, sich mit Gewalt, Tod, Gehorsam und Loyalität auseinanderzusetzen, lange bevor viele überhaupt wissen, wie ihr Leben nach der Schule aussehen soll.Die Moderatorin oder der Moderator ordnet die Debatte ein: Jahrzehntelang galt die Regel, Männer ab 18 mussten Wehrdienst leisten. Doch mit der Aussetzung der Wehrpflicht veränderte sich das Land. Heute ist eine Generation herangewachsen, die keinen verpflichtenden Dienst mehr kennt und deren Bild von Staat und Freiheit anders geprägt ist. Wenn nun die Rückkehr der Wehrpflicht diskutiert wird, prallt nicht nur Politik auf Politik, sondern Zeitgeist auf Zeitgeist.Besonders aufschlussreich ist eine Abstimmung in der Runde, die auf eine einfache Ja-Nein-Frage hinausläuft: „Finden Sie die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gut?“ Im Publikum scheint die Ablehnungsseite zu überwiegen. Das ist bemerkenswert, weil es zeigt: Die Idee hat nicht automatisch Rückhalt bei denen, die sie ausbaden müssten. Und genau darin liegt eine demokratische Herausforderung. Eine Entscheidung, die so tief ins Leben junger Menschen greift, kann nicht allein aus der Perspektive von Strategen und Parteizentralen getroffen werden, ohne die Betroffenen ernsthaft einzubeziehen.Dann kommen die Politiker zu Wort. Eine Teilnehmerin aus dem linken Spektrum positioniert sich klar gegen die Wehrpflicht und macht dabei etwas, das die Runde zum Kochen bringt: Sie dreht den Anspruch, den Politik an die Jugend stellt, um. Wenn Politiker sagen, man müsse von jungen Menschen „auch etwas erwarten“, dann könne man das tun, sagt sie, aber man müsse auch Widerstand erwarten. Sie lehnt ab, „für reiche Freunde“ in den Krieg zu ziehen, und setzt stattdessen auf internationale Solidarität unter jungen Menschen. Ihre Argumentation ist nicht technokratisch, sondern moralisch und sozial: Während Kulturförderungen gekürzt werden, Tickets teurer werden und das Leben schwieriger bezahlbar sei, werde von der Jugend verlangt, noch mehr zu leisten, vielleicht sogar mit dem eigenen Leben zu bezahlen.Diese Zuspitzung trifft einen Nerv, weil sie ein Gefühl ausdrückt, das viele junge Leute kennen: Sie erleben ein Land, das von ihnen Flexibilität, Belastbarkeit und Anpassung verlangt, während gleichzeitig Zukunftsversprechen wackeln. Wenn dann ausgerechnet diese Generation zum Pflichtdienst aufgefordert wird, entsteht der Eindruck einer Schieflage. Die Frage lautet nicht mehr nur: „Brauchen wir mehr Soldaten?“ Sondern: „Warum soll immer dieselbe Gruppe die Konsequenzen tragen?“
Andere Stimmen in der Runde versuchen zu differenzieren. Ein Teilnehmer betont, man müsse die Bundeswehr stärken, halte aber eine Rückkehr zur Wehrpflicht nicht für sinnvoll. Stattdessen solle man auf Freiwilligkeit setzen, auf Aufklärung, auf Angebote. Auch der Bevölkerungsschutz wird genannt. Das klingt nach einem Mittelweg: Ja zur Verteidigungsfähigkeit, aber nein zum Zwang. Dahinter steht eine politische Logik, die in der Debatte zunehmend Gewicht bekommt: Wenn man Menschen überzeugt statt verpflichtet, bekommt man motiviertere Kräfte und weniger gesellschaftliche Spaltung.

Von der AfD kommt eine grundlegend andere Position. Dort wird die Wehrpflicht als wichtig für die Verteidigungsfähigkeit beschrieben, sogar als historisch konsequente Forderung. Gleichzeitig wird kritisiert, dass eine Einführung „hals über Kopf“ komme, weil Strukturen fehlen könnten: Kreiswehrersatzämter, Kasernen, Infrastruktur. Das ist ein Punkt, der in der gesamten Diskussion oft zu kurz kommt: Selbst wenn Politik die Wehrpflicht beschließen würde, wäre die praktische Umsetzung eine Mammutaufgabe. Ausbildungskapazitäten, Unterbringung, Ausrüstung, Verwaltung, Musterung, rechtliche Verfahren. Eine Wehrpflicht ist nicht nur ein Gesetz, sie ist ein System.Ein CDU-Vertreter argumentiert mit geopolitischer Bedrohungslage und militärischer Macht globaler Akteure. Die Welt sei gewalttätig, man müsse verteidigungsfähig sein, und dazu gehöre auch, dass Menschen im Zweifel mit Waffen umgehen können. Er betont, man hoffe, es nie zu brauchen, doch die Wehrpflicht sei ein Mittel. Diese Argumentation ist typisch für die Sicherheitslogik: Abschreckung durch Bereitschaft. Aber im Publikum trifft sie auf Skepsis, weil sie eine Frage offen lässt, die Jugendliche immer wieder stellen: Wer entscheidet, wann dieser „Zweifel“ eintritt? Und wer trägt dann die Folgen?Eine grüne Stimme bringt einen weiteren, entscheidenden Aspekt ins Spiel: den Diskurs mit jungen Menschen. Gerade bei einem Thema, das so unmittelbar ins Leben eingreift, hätte die Politik zuerst auf die Betroffenen zugehen müssen. Diese Aussage wirkt wie ein Eingeständnis, dass in vielen politischen Feldern der Dialog zu spät kommt. Zugleich zeigt sie ein Dilemma: Selbst wenn man Jugendliche fragt, bleibt die Verantwortung am Ende bei einer Regierung, die zwischen Sicherheitsinteressen, Bündnispolitik und gesellschaftlicher Akzeptanz navigieren muss.Die Diskussion wird noch konkreter, als Fragen aus dem Publikum an einzelne Politiker gestellt werden. Eine 17-Jährige fragt nach der Rolle der Frau in der Bundeswehr und warum ein Fragebogen für Frauen nur freiwillig sein solle. Das berührt eine zentrale Gerechtigkeitsfrage: Wenn Wehrpflicht, dann für wen? Nur für Männer? Für alle? Und wenn für alle, wie wird Gleichberechtigung umgesetzt? Selbst diejenigen, die eine Wehrpflicht befürworten, geraten hier schnell in Begründungsnot, weil das Thema in eine tiefe gesellschaftliche Debatte über Gleichstellung und Körperautonomie hineinragt.
Ein weiterer Schüler stellt die Frage, wie Verteidigungsfähigkeit gewährleistet werden soll, wenn man gegen Wehrpflicht und gegen Aufrüstung ist. Er verweist auf internationale Spannungen und argumentiert, Europa müsse stärker werden. Die linke Antwort bleibt konsequent: Aufrüstung führe nicht zu Sicherheit, sondern erhöhe Kriegsrisiko. Diplomatie müsse an erster Stelle stehen. Diese Position wird mit starken moralischen Sätzen verbunden, etwa dem Verweis auf „alte Männer“, die Kriege um Geld führten. Das Publikum reagiert mit Applaus, was zeigt: In jungen Milieus wirkt die Sehnsucht nach Frieden nicht naiv, sondern wie eine Trotzreaktion auf eine Welt, die ihnen ständig neue Bedrohungen präsentiert.Was bleibt nach dieser Runde, ist weniger eine fertige Lösung als ein deutliches Signal: Die Wehrpflichtdebatte ist in Deutschland nicht nur eine Sicherheitsfrage. Sie ist eine Generationenfrage. Eine Vertrauensfrage. Und auch eine soziale Frage. Junge Menschen erleben Politik oft als Zumutung, wenn sie ihnen Pflichten auferlegt, ohne gleichzeitig Perspektiven zu liefern. Wenn Kulturangebote verschwinden, Mobilität teurer wird, Wohnen kaum bezahlbar ist und die Zukunft unsicher wirkt, dann klingt „ihr müsst jetzt dienen“ für viele nicht wie Verantwortung, sondern wie Belastung ohne Gegenleistung.Gleichzeitig ist die Realität geopolitisch nicht wegzudiskutieren. Sicherheitsbedenken sind nicht ausgedacht, und eine Bundeswehr kann nicht aus Hoffnung allein bestehen. Genau deshalb wird die Debatte so erbittert: Beide Seiten beanspruchen Vernunft für sich. Die einen sagen, Sicherheit braucht Stärke und Vorbereitung. Die anderen sagen, Stärke ohne Diplomatie ist der direkte Weg in die Eskalation.Die entscheidende Frage, die aus dieser Runde herausragt, lautet: Wie kann ein demokratischer Staat Entscheidungen treffen, die so tief in das Leben junger Menschen greifen, ohne deren Vertrauen zu verlieren? Wenn Wehrpflicht wieder kommt, wird sie nicht als technische Reform wahrgenommen werden, sondern als Zeichen: Wer hat Macht, wer trägt Last, wer wird gefragt, wer wird übergangen?Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Debatte: Bevor Deutschland über Pflichtdienst, Musterung und Strukturen entscheidet, muss es über etwas Grundsätzlicheres reden. Über das Verhältnis zwischen Staat und Jugend. Über Fairness. Über Mitbestimmung. Und über die Frage, ob man Loyalität erzwingen kann oder ob man sie sich verdienen muss. In dieser Runde haben viele Jugendliche ihre Antwort bereits gegeben und sie klingt nicht nach Gehorsam, sondern nach einem klaren Anspruch: Erst zuhören. Dann entscheiden. Und vor allem: nicht so tun, als wären diejenigen, die betroffen sind, nur Statisten in einer Geschichte, die andere schreiben.