Uschi Glas: Das zerbrochene Spiegelbild der Nation – Wenn die perfekte Fassade zur Falle wird
München, ein kalter Vormittag im Jahr 2002. In den Gängen eines Supermarktes schiebt eine Frau ihren Einkaufswagen. Die Sonnenbrille sitzt tief, doch das Gesicht ist unverkennbar. Es ist das Gesicht, das eine ganze Generation durch das Wirtschaftswunder und die rebellischen 60er Jahre begleitet hat. Uschi Glas. Doch an diesem Tag ist die Luft in der Obstabteilung dick vor Häme. Die Menschen halten nicht inne, um nach einem Autogramm zu fragen. Sie gaffen. Sie flüstern. Einige grinsen unverhohlen.
Es war die Geburtsstunde der „Würstel-Affäre“, ein Skandal, der nicht nur eine Ehe, sondern ein nationales Heiligtum zertrümmerte. Über 20 Jahre lang galt die Verbindung zwischen Uschi Glas und dem Filmproduzenten Bernd Tewaag als das Goldmaß der deutschen High Society. Drei Kinder, eine Prachtvilla in Grünwald, harmonische Homestorys in der Bunte. Doch dann kam eine Würstchenverkäuferin – und das Kartenhaus stürzte mit einem betäubenden Lärm ein.
Die Wurzeln des Schweigens: Landau an der Isar

Um den Schmerz dieses Falls zu verstehen, muss man die Schichten der Zeit abtragen, bis man im bayerischen Landau der Nachkriegszeit landet. Uschi Glas wurde nicht als Star geboren; sie wurde als Außenseiterin geschmiedet. In einem tiefkatholischen Ort war ihre Familie protestantisch – in den 1940er Jahren kam das einem sozialen Todesurteil gleich. Die Kinder wurden als „Ketzer“ beschimpft.
Uschi selbst, mit ihrem dunklen Teint und den tiefschwarzen Locken, wurde auf dem Schulhof als „Negerlein“ verspottet. Es war eine harte Schule der Ausgrenzung. Doch anstatt sich zu ducken, lernte sie zu beißen. „Wer mich beleidigte, kriegte eine Ohrfeige“, erinnerte sie sich später. Hier entstand der eiserne Wille, dazuzugehören, und gleichzeitig die Fähigkeit, eine Maske der Unantastbarkeit zu tragen.
Ihr Vater, Christian Glas, war die prägende Kraft. Ein Mann von imposanter Statur, 1,87 Meter groß, autoritär und streng. Er war ein Fremder für die dreijährige Uschi, als er 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Er brachte Ordnung, aber auch Kälte mit. Wer am Tisch widersprach, wurde an den „Katzentisch“ verbannt. Und er gab ihr jenen Satz mit, der zu ihrem Lebensmotto und gleichzeitig zu ihrem größten Gefängnis werden sollte:
„Du musst am Abend in den Spiegel schauen können.“
Der Aufstieg zum „Schätzchen“ und die Suche nach Halt
Als Uschi Glas 1968 mit „Zur Sache, Schätzchen“ über Nacht zum Megastar wurde, verkörperte sie den Typus der frechen, aber doch anständigen deutschen Frau. Sie war die Projektionsfläche für Millionen. Doch privat suchte sie immer nach der Stabilität, die sie in ihrer Kindheit nur durch eiserne Disziplin erfahren hatte.
Ihre Männer kamen aus der Filmwelt, doch erst mit Bernd Tewaag schien sie den Hafen gefunden zu haben. 1981 war die Hochzeit. Es folgte das, was man heute eine „Bilderbuch-Ehe“ nennt. Doch Bilderbücher haben oft leere Seiten zwischen den illustrierten Blättern. Uschi Glas investierte alles in die Perfektion. Sie wollte die Schmach ihrer Kindheit – die Armut, die Ausgrenzung – durch einen glänzenden Lebensentwurf ungeschehen machen.
Das Jahr des Untergangs: Drei Schläge in 24 Monaten
Was Anfang 2002 geschah, war mehr als eine private Tragödie; es war eine öffentliche Hinrichtung. Die Fotos von Bernd Tewaag und der 27 Jahre jüngeren Anke Strohbach, die einen Imbissstand betrieb, waren überall. Der Kontrast hätte für die Boulevardpresse nicht köstlicher sein können: Die Grande Dame des deutschen Films wurde für eine „Würstchenverkäuferin“ verlassen.
Uschi Glas reagierte mit einer Härte, die viele überraschte, die aber tief in ihrer Erziehung verwurzelt war. „Wer mich betrügt, ist unten durch.“ Es gab kein öffentliches Weinen, kein Flehen. Sie zog die Reißleine. Doch der Preis für diese Haltung war die totale Einsamkeit inmitten eines Blitzlichtgewitters aus Spott.
Doch das Schicksal war noch nicht fertig mit ihr. Fast zeitgleich geriet ihr ältester Sohn, Benjamin Tewaag, in die Schlagzeilen. Er stand vor Gericht, verstrickt in Gewalteskapaden vor Münchner Diskotheken. Während die Mutter versuchte, ihre Würde zu retten, riss der Sohn die Fassade mit roher Gewalt nieder. In der Presse standen ihre Namen oft auf gegenüberliegenden Seiten: Hier die betrogene Ikone, dort der straffällige Sohn.
Und als dritter Schlag folgte das wirtschaftliche Desaster. Ihre Hautcreme-Linie, mit der sie Frauen ewige Jugend versprach, wurde von der Stiftung Warentest mit „mangelhaft“ bewertet. Die Nachricht von Hautreizungen bei Nutzerinnen war der letzte Nagel im Sarg ihres makellosen Rufs. In nur zwei Jahren war aus der unantastbaren Uschi Glas eine Frau geworden, über die man lachte.
Die Flucht und die Verwandlung
Uschi Glas tat etwas, das untypisch für das Showgeschäft ist: Sie verschwand. Ein ganzes Jahr lang gab sie kein Lebenszeichen. Keine roten Teppiche, keine Talkshows. Sie zog sich in ihre Villa zurück. Es war die Zeit, in der sie lernen musste, den Spiegel zu ertragen, von dem ihr Vater immer gesprochen hatte – einen Spiegel, der nun Risse zeigte.
Die Heilung kam in Form eines Mannes, der nichts mit dem Glamour von München-Grünwald zu tun hatte. Dieter Hermann, ein Unternehmensberater, sah in ihr nicht das „Schätzchen“, sondern die verletzte Frau. Ihre Hochzeit 2005 war ein Akt der Befreiung. Sie fand statt unter dem Deckmantel einer Einweihungsparty – keine Kameras, keine Pressemeute. Es war das erste Mal, dass Uschi Glas nicht für die Galerie lebte, sondern für sich selbst.
Das dunkle Erbe: Das Geheimnis des Vaters
Die größte Erschütterung ihres Lebens sollte jedoch erst 2025 folgen, lange nachdem die Würstel-Affäre aus den Köpfen der Menschen verschwunden war. Uschi Glas, die sich immer für Versöhnung und gegen Ausgrenzung eingesetzt hatte, beauftragte einen Ahnenforscher. Sie suchte nach jüdischen Wurzeln in ihrer Familie.
Was sie stattdessen fand, war die nackte Wahrheit über den Mann, der sie gelehrt hatte, in den Spiegel zu schauen. Ihr Vater, Christian Glas, war nicht nur ein strenger Buchhalter gewesen. Er war bereits 1931 Mitglied der NSDAP geworden und diente während des Krieges als Funker in der Waffen-SS-Division „Skanderbeg“ – einer Einheit, die für grauenhafte Verbrechen auf dem Balkan bekannt war.
Plötzlich ergab das Schweigen ihrer Kindheit einen Sinn. Das Schweigen des Vaters über den Krieg war keine Unfähigkeit zu sprechen, sondern die Unfähigkeit, die eigene Schuld zu konfrontieren. Der Satz „Du musst am Abend in den Spiegel schauen können“ war vielleicht gar kein Ratschlag an seine Tochter gewesen, sondern ein täglicher Kampf mit sich selbst, den er verloren hatte.
Fazit: Die Freiheit der Wahrheit
Heute ist Uschi Glas über 80 Jahre alt. Sie ist keine Frau mehr, die um jeden Preis eine perfekte Fassade aufrechterhalten muss. Mit ihrem Verein „Brotzeit“ gibt sie Kindern das, was ihr als Kind fehlte: Sicherheit und das Gefühl, dazuzugehören.
Ihr Leben ist eine Lektion darin, dass man erst dann wirklich frei ist, wenn man die Scherben der eigenen Geschichte akzeptiert. Die Narben der Würstel-Affäre, die Enttäuschungen durch ihren Sohn und das schmerzhafte Erbe ihres Vaters haben sie nicht zerstört. Sie haben sie menschlich gemacht. Wenn Uschi Glas heute Abend in den Spiegel schaut, sieht sie keine Ikone. Sie sieht eine Frau, die aufgehört hat zu schweigen – und die endlich Frieden mit der Wahrheit geschlossen hat.