Es war der frühe Morgen des 5. Januar 2000, als eine Nachricht Deutschland erschütterte, mit der niemand gerechnet hatte. Diether Krebs, der Meister der Verwandlung, der Mann mit den dicksten Brillen, den schiefsten Zähnen und dem perfektesten Timing der deutschen Fernsehgeschichte, war tot. Er wurde nur 52 Jahre alt.
In den Tagen und Wochen vor seinem Tod kursierten Gerüchte in der Medienlandschaft. Man sah den einst so kraftstrotzend wirkenden Schauspieler verändert. Er wirkte gezeichnet, sein Gesichtszüge waren anders, seine Bewegungen nicht mehr so energisch wie in seinen legendären „Sketchup“-Zeiten. Die Boulevardpresse und viele Fans waren sich schnell einig: Das musste der Alkohol sein. Der „lustige Dicke“, der nie ein Geheimnis aus seinen exzessiven Nächten im Münchener „Rosario“ gemacht hatte, sei rückfällig geworden. Man tuschelte über einen Absturz, über das tragische Ende eines Komikers, der die Kontrolle verloren hatte.
Doch die Welt täuschte sich gewaltig. Was die Öffentlichkeit als Zeichen eines Lasters deutete, war in Wahrheit der grimme Kampf gegen einen übermächtigen Gegner: Lungenkrebs. Diether Krebs war nicht betrunken, er war sterbenskrank. Und er hatte eine Entscheidung getroffen, die an menschlicher Größe und Härte gegen sich selbst kaum zu überbieten ist.
Die Maske des Clowns als Schutzschild
Diether Krebs war zeitlebens ein Mann der Extreme. „Mut zur Hässlichkeit“ war sein Markenzeichen. Ob als schmieriger Öko-Spießer Martin mit dem Norweger-Pullover oder als debiler Polizist – Krebs liebte es, sich hinter Masken zu verbergen. In seinen letzten Lebensmonaten wurde diese berufliche Fähigkeit zu seiner wichtigsten privaten Waffe.
Er wusste um seine Diagnose. Er wusste, dass seine Zeit abgelaufen war. Doch anstatt sich zurückzuziehen, plante er eine letzte Tournee. Er wollte noch einmal den Applaus hören, noch einmal spüren, wie er einen Saal zum Lachen bringen konnte. Wenn er auf die Bühne trat, schoss das Adrenalin durch seinen Körper und ließ ihn für zwei Stunden die Krankheit vergessen. Doch hinter den Kulissen sah es anders aus. Morgens quälte er sich durch die Chemotherapie, abends stand er im Scheinwerferlicht.
Als ihm durch die aggressive Behandlung die Haare ausfielen, rasierte er sich kurzerhand eine Glatze. Der Öffentlichkeit verkaufte er dies als neuen Look für seine Rollen, um sich schneller mit Perücken verwandeln zu können. Niemand ahnte, dass die Glatze kein künstlersches Statement, sondern ein Stigma des Krebses war. Er spielte seine Rolle perfekt bis zum Schluss.
Das qualvolle Finale: Klarheit um jeden Preis
Das eigentliche Drama spielte sich jedoch nicht auf der Bühne ab, sondern in den allerletzten Tagen in seinem Haus in Hamburg. Die Tournee war beendet, das Adrenalin verflogen. „Ich habe meine Mitte verloren“, gestand er seinen Söhnen Moritz und Till. Der Krebs hatte seinen Körper nun endgültig im Griff.
In dieser Phase entscheiden sich die meisten Palliativpatienten verständlicherweise für die Gnade der modernen Medizin: Morphium. Das starke Schmerzmittel nimmt die Qual, dämpft aber auch das Bewusstsein. Es lässt die Patienten in einen Dämmerzustand gleiten, der das Gehen erleichtert, aber das Kommunizieren erschwert.
Diether Krebs entschied sich dagegen. Er verweigerte das Morphium und andere starke Schmerzmittel bis zuletzt. Seine Begründung rührt zu Tränen: Er wollte sich nicht im Nebel verabschieden. Er wollte seine Frau Bettina und seine Kinder noch erkennen, wollte ihnen noch Dinge sagen können, wollte „bei klarem Verstand“ sein, wenn der letzte Vorhang fiel.
Er nahm unfassbare körperliche Schmerzen in Kauf, um seinen Liebsten noch einmal tief in die Augen schauen zu können. Dieser Akt der Selbstaufopferung widerlegt jedes Gerücht über einen willensschwachen Alkoholiker. Es zeigt einen Mann von immenser Willenskraft, der die Liebe zu seiner Familie über das eigene körperliche Wohl stellte.
Eine Liebe über den Tod hinaus
Seine Frau Bettina von Leoprechting-Krebs wich in diesen Stunden nicht von seiner Seite. Sie waren seit 1979 verheiratet, eine Ewigkeit im Showgeschäft. Sie kannte seine Exzesse, seine arbeitswütigen Nächte, seine Abwesenheit. Doch am Ende waren sie vereint.
Als Diether Krebs schließlich in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar starb, hielten seine liebsten Menschen seine Hand. Er starb dort, wo er es wollte: Zuhause.
Die Beerdigung auf dem Essener Ostfriedhof war ein Spiegelbild dieser tiefen Verbundenheit. Bettina trug unter ihrem schwarzen Mantel ein weinrotes Kleid – genau jenes Kleid, das sie an ihrem Hochzeitstag getragen hatte. Es war ein letzter Gruß an ihren Mann, ein Zeichen, dass ihre Verbindung über den Tod hinausging. Tragischerweise sollte auch ihr Schicksal eng mit dieser Krankheit verknüpft bleiben; sie starb nur sechs Jahre später, ebenfalls an Lungenkrebs.
Warum wir ihn falsch einschätzten
Warum hielt sich das Gerücht vom Alkohol so hartnäckig? Diether Krebs war ein „Alleswoller“. Er lebte schnell, laut und intensiv. In den 80er Jahren war er bekannt dafür, Nächte durchzuzechen. Beatrice Richter, seine geniale Partnerin bei „Sketchup“, erinnerte sich später an Abende, an denen Flaschenweise Sambuca und Wodka flossen. Er feierte das Leben, um den Druck seines Perfektionismus abzubauen.
Das Publikum hatte dieses Bild verinnerlicht. Wenn ein solcher Mann plötzlich wankt, abmagert und fahrig wirkt, liegt der Schluss nahe, dass die alten Dämonen zurückgekehrt sind. Dass es diesmal ein biologischer Dämon war, der ihn von innen auffraß, passte nicht in das Bild des unverwüstlichen Komikers.
Erst nach seinem Tod, als die Familie und das Management die wahre Todesursache Lungenkrebs bestätigten, wandelte sich das Bild. Die Bewunderung für sein künstlerisches Werk mischte sich nun mit Hochachtung vor seinem menschlichen Leidensweg.
Das Erbe des „Größten“
Heute, über zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, ist Diether Krebs Kult. Seine Sketche sind auf YouTube Hits bei einer Generation, die ihn gar nicht mehr live erlebt hat. Seine Söhne verwalten sein Erbe liebevoll. Auf seinem Grabstein in Essen liegt oft ein Kieselstein oder eine Sonnenbrille – stumme Grüße von Fans, die nun die Wahrheit kennen.
Diether Krebs war mehr als der lustige Mann aus dem Fernsehen. Er war ein Charakterdarsteller, der das Leben bis zur Neige auskostete und dem Tod mit offenem Visier begegnete. Die Entscheidung, auf Morphium zu verzichten, bleibt sein letzter, größter und stillster Auftritt – einer, für den es keinen Applaus gab, sondern nur die stille Ehrfurcht seiner Familie.
Es ist Zeit, dass wir uns an ihn erinnern, nicht wie er in den Gerüchten dargestellt wurde, sondern wie er wirklich war: Ein Mann, der den Schmerz ertrug, um bis zur letzten Sekunde Vater und Ehemann zu bleiben.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
War Diether Krebs Alkoholiker? Diether Krebs war als Genussmensch bekannt und machte keinen Hehl aus feuchtfröhlichen Nächten während seiner Karriere. Die Gerüchte kurz vor seinem Tod, er sei rückfällig geworden und daran gestorben, waren jedoch falsch. Sein schlechter körperlicher Zustand war die Folge seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung.
Warum verweigerte Diether Krebs Morphium? Er wollte bis zu seinem letzten Atemzug bei klarem Verstand bleiben, um sich bewusst von seiner Ehefrau Bettina und seinen beiden Söhnen verabschieden zu können. Er nahm dafür starke Schmerzen in Kauf.
Woran starb Diether Krebs? Der Schauspieler starb an den Folgen von Lungenkrebs. Die Diagnose hatte er vor der Öffentlichkeit weitgehend geheim gehalten, um seine letzte Tournee noch absolvieren zu können.
Wer war die Frau von Diether Krebs? Er war mit Bettina von Leoprechting-Krebs verheiratet. Sie begleitete ihn bis in den Tod und trug bei seiner Beerdigung ihr rotes Hochzeitskleid unter dem Trauermantel. Sie verstarb 2006 ebenfalls an Lungenkrebs.