Es sollte die Nacht der Nächte werden, ein glitzerndes Fest zum Jahreswechsel im Herzen der Schweizer Alpen. Doch für 40 Menschen wurde das „Le Constellation“ in Crans-Montana zur Endstation. Während die Welt fassungslos auf die Trümmer blickt, schält sich eine Fratze der menschlichen Kälte heraus, die selbst erfahrene Ermittler erschaudern lässt. Im Zentrum des Skandals: Eine Clubbesitzerin, die ihre Gäste im Feuer sterben ließ, um das Bargeld zu retten.
Der Glanz, der in der Asche erstickte
Crans-Montana ist normalerweise der Inbegriff von Exklusivität. Wenn der Schnee auf den Gipfeln des Wallis im Mondlicht glitzert, versammelt sich hier die internationale Elite. Doch die Silvesternacht 2025/2026 wird als die dunkelste Stunde in die Geschichte des Kantons eingehen. Das „Le Constellation“, ein Club, der für seine ekstatischen Partys bekannt war, verwandelte sich innerhalb von Minuten in ein Krematorium aus Glas und Stahl.
Die Bilanz ist erschütternd: 40 Todesopfer, die meisten von ihnen jung, voller Hoffnung und in Feierlaune. Hunderte Verletzte füllen die Krankenhäuser von Sitten bis Genf, viele von ihnen mit schweren Rauchgasvergiftungen oder Verbrennungen, die sie ihr Leben lang zeichnen werden. Doch während die Rettungskräfte in jener Nacht Übermenschliches leisteten, spielte sich im Inneren des brennenden Infernos eine Szene ab, die nun die gesamte Schweiz in Atem hält.

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Das Video der Schande: Flucht mit der Kasse
Wie erst jetzt durch sickernde Informationen aus Ermittlerkreisen bekannt wurde, existiert Videomaterial, das die Mitbetreiberin Jessica Moretti schwer belastet. Die Aufnahmen, die der Öffentlichkeit aufgrund ihrer Schockwirkung bisher vorenthalten werden, zeigen das Unfassbare. Inmitten der panischen Menschenmenge, die verzweifelt nach den wenigen Ausgängen suchte, während die giftigen Dämpfe der brennenden Deckenverkleidung die Sicht nahmen, hatte Moretti nur ein Ziel: das Büro mit der Tageskasse.
Medienberichten zufolge ist auf den Bildern zu sehen, wie die Frau das Gebäude verlässt – nicht etwa mit einem Verletzten über der Schulter oder helfend an der Seite eines Gastes. Nein, sie flieht mit der schweren Geldkassette der Silvesternacht unter ihrem Arm. Besonders makaber: Ihr eigener Arm soll zu diesem Zeitpunkt bereits Brandverletzungen aufgewiesen haben. Der Schmerz der Verbrennung war offenbar zweitrangig gegenüber der Angst, den Profit dieser lukrativen Nacht zu verlieren.
Für die Angehörigen der Opfer ist dies ein Schlag ins Gesicht. „Man kann ein Unglück nicht verhindern, aber man kann sich entscheiden, ein Mensch zu bleiben“, zitiert eine lokale Zeitung den Vater eines verstorbenen 22-Jährigen. In Crans-Montana ist die Trauer längst in blanken Zorn umgeschlagen.
Ein politisches Kartenhaus bricht zusammen
Doch der Skandal reicht weit über das moralische Versagen einer Einzelperson hinaus. Er führt direkt in das Rathaus von Crans-Montana. Bürgermeister Nicolas Féraud steht mit dem Rücken zur Wand. Sein Slogan „Man verlässt das Schiff nicht, wenn das Meer tobt“, den er gebetsmühlenartig wiederholt, um Einheit zu demonstrieren, wirkt angesichts der Enthüllungen wie eine hohle Phrase.
Féraud musste unter dem Druck der Fakten einräumen, dass die Sicherheitskontrollen im „Le Constellation“ seit dem Jahr 2020 komplett ausgesetzt worden waren. Vier Jahre lang konnte in diesem Club geschaltet und gewaltet werden, ohne dass ein offizieller Prüfer die Brandschutzvorrichtungen, die Notausgänge oder die Kapazitätsgrenzen unter die Lupe nahm.
Wäre kontrolliert worden, hätte das Desaster verhindert werden können. Es kam ans Licht, dass das Lokal offiziell nur für 240 Personen zugelassen war. In der Silvesternacht befanden sich jedoch Schätzungen zufolge weit über 500 Menschen in den Räumen. Aus der ursprünglichen Bar war durch illegale Umbauten eine Diskothek geworden – eine architektonische Todesfalle.
Die tödliche Architektur: Schaumstoff und Wunderkerzen
Die Ermittlungen zur Brandursache lesen sich wie ein Lehrbuch für vermeidbare Katastrophen. Es wird vermutet, dass der Einsatz von Wunderkerzen oder sprühender Tischfeuerwerke die Katastrophe auslöste. Was in anderen Clubs durch feuerfeste Materialien abgefangen worden wäre, traf hier auf eine Deckenisolierung aus billigem, hochgradig brennbarem Schaumstoff.
Innerhalb von Sekunden verwandelte sich die Decke in einen flüssigen, brennenden Regen. Das Material tropfte auf die Tanzenden herab, setzte Kleidung und Haare in Brand und setzte gleichzeitig hochkonzentrierte Blausäure und Kohlenmonoxid frei. Der Mitbetreiber Shakes Moretti hatte das Lokal vor etwa zehn Jahren eigenhändig umgebaut. Da für rein optische Änderungen im Innenausbau keine expliziten Genehmigungen der Baupolizei nötig waren, nutzte er Materialien, die zwar billig und schalldämpfend, aber im Brandfall absolut tödlich waren.

Justiz unter Druck: Warum sind sie noch frei?
Trotz der Beweislast und des belastenden Videos befinden sich Jessica und Shakes Moretti weiterhin auf freiem Fuß. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung, fahrlässiger Tötung in 40 Fällen und Brandstiftung. Doch die Behörden geben an, dass „ausreichende Beweise für Haftmaßnahmen“, wie etwa Fluchtgefahr oder Verdunkelungsgefahr, derzeit formal noch fehlen.
Diese juristische Vorsicht stößt in der Bevölkerung auf Unverständnis. In den sozialen Netzwerken braut sich ein Sturm zusammen. Die Menschen fordern Gerechtigkeit für die 40 Seelen, die in jener Nacht ihr Leben ließen. Der Geruch von verbranntem Plastik und Tod hängt noch immer über der Rue du Prado, der prestigeträchtigen Meile des Ortes, und erinnert jeden Passanten daran, dass hier Profitgier über Sicherheitsbestimmungen gesiegt hat.
Das Ende einer Ära des Wegschauens
Dieser Fall wird die Schweiz nachhaltig verändern. Er deckt die dunkle Kehrseite des Tourismus-Booms auf, in dem oft beide Augen zugedrückt werden, solange die Kasse stimmt. Die „Lex Crans-Montana“, wie sie bereits von einigen Politikern gefordert wird, soll künftig unangemeldete, strikte Kontrollen für alle Gastronomiebetriebe vorschreiben – ohne Ausnahmen für prominente Besitzer oder Nobelorte.
Für die Opfer kommt dies zu spät. Während Jessica Moretti versucht, ihr Leben (und wohl auch ihr Geld) zu retten, bleiben den Hinterbliebenen nur Gräber und die Frage nach dem Warum. Crans-Montana hat seinen Glanz verloren. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass hinter der glitzernden Fassade des Luxus manchmal ein Abgrund aus Gier lauert, der tiefer ist als die Schluchten der Alpen.