„Wir waren keine Hinterwäldler!“ – Frank Schöbel rechnet bei Lanz mit der „Arroganz des Westens“ ab und rührt das Publikum
Es sollte ein gemütlicher Abend werden. Ein bisschen Musik, ein bisschen Plauderei über alte Zeiten, ein bisschen „Weißt du noch?“. Frank Schöbel, die unbestrittene Schlagerikone des Ostens, saß im Studio von Markus Lanz. Mit 83 Jahren ist er einer, der nichts mehr beweisen muss. Er hat Stadien gefüllt, Herzen erobert und ist bis heute eine der markantesten Stimmen der deutschen Musikgeschichte. Er saß entspannt da, erzählte von Fanbriefen und der Liebe zur Musik. Doch was als harmonische Talkrunde begann, verwandelte sich innerhalb von Sekunden in einen der emotionalsten und wichtigsten Momente der jüngeren Fernsehgeschichte.
Es war eine einzige Frage, die die Stimmung kippen ließ. Markus Lanz, bekannt für sein hartnäckiges, manchmal bohrendes Nachfragen, lenkte das Gespräch auf die Wiedervereinigung. „Viele sagen, dass Künstler aus der DDR nach der Wende große Startschwierigkeiten hatten“, begann Lanz vorsichtig, um dann den entscheidenden Satz nachzuschieben: „War das nicht auch ein Stück weit selbstverschuldet?“
Der Moment, als die Stimmung kippte
Im Studio wurde es schlagartig still. Frank Schöbel legte den Kopf schief. Seine Augen verengten sich. „Selbstverschuldet?“, wiederholte er ruhig, aber mit einer Schärfe, die sofort signalisierte: Hier wurde eine Grenze überschritten. Lanz versuchte zu erklären, sprach von westdeutschen Produzenten, die mit den „Ost-Stars“ nichts anfangen konnten, von einer anderen Mentalität. Doch Schöbel ließ das nicht gelten. Er atmete tief durch und holte zu einem Konter aus, der Millionen Menschen aus der Seele sprach.

„Wissen Sie, Herr Lanz“, begann er, „genau diese Haltung ist das Problem. Diese Arroganz des Westens, die bis heute nicht verstanden hat, was im Osten wirklich passiert ist.“
„Man hat uns abgewickelt“
Was folgte, war keine Verteidigung, sondern eine Anklage. Mit bebender, aber kontrollierter Stimme räumte Schöbel mit den Vorurteilen auf, die seit über 30 Jahren durch die Köpfe geistern. „Wir waren keine Amateure. Wir waren keine Hinterwäldler“, stellte er klar. „Wir haben mit Leidenschaft, Disziplin und Herz gearbeitet.“
Er erinnerte daran, wie brutal der Umbruch für viele Künstler war. Es ging nicht nur um verpasste Chancen, es ging um Entwertung. „Dann kam die Wende und plötzlich galten wir als Ballast.“ Als Lanz einwarf, es habe doch auch neue Chancen gegeben, unterbrach ihn Schöbel scharf: „Chancen? Man hat uns abgewickelt! Karrieren, Biografien, ganze Lebenswerke.“
Besonders schmerzhaft beschrieb er die gönnerhafte Attitüde vieler Westdeutscher in den 90er Jahren: dieses Schulterklopfen, begleitet von Sätzen wie „Seid doch froh, jetzt dürft ihr endlich richtig arbeiten.“ Ein Satz, der wie ein Schlag ins Gesicht wirkte für Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet hatten. „Ich habe auf Bühnen gesungen, auf denen Menschen geweint haben vor Glück“, erzählte Schöbel emotional. „Und nach der Wende saßen dieselben Menschen vor mir und sagten: ‚Jetzt bist du ja nichts mehr wert.‘ Das vergisst man nicht.“
Das Publikum steht auf
Markus Lanz wirkte sichtlich überrascht von der Wucht dieser Worte. Er versuchte, zu beschwichtigen, wollte erklären, dass er es „keinesfalls so gemeint“ habe. Doch Schöbel ließ ihn nicht mehr vom Haken. „Genau das wollten Sie“, fiel er ihm ins Wort. „Diese Geschichte vom überlegenen Westen und dem rückständigen Osten.“ Er nannte diese Erzählung „bequem, aber falsch“.
In diesem Moment passierte etwas, das in Talkshows selten ist. Das Publikum, das normalerweise auf Kommando klatscht, reagierte spontan und emotional. Ein Raunen ging durch die Reihen, dann brandete Applaus auf. Einige Zuschauer standen sogar auf, um Schöbel Respekt zu zollen. Sie spürten: Hier kämpft einer nicht um seine eigene Eitelkeit, sondern um die Würde einer ganzen Generation.

Ein Satz, der bleibt
Schöbel lehnte sich schließlich zurück, die Anspannung wich langsam aus seinem Körper, aber die Botschaft stand im Raum wie ein Monolith. „Wir wollten keine Sonderbehandlung“, sagte er leise. „Wir wollten Respekt. Und den hat man uns oft verweigert.“
Lanz schwieg einen Moment. Er wirkte nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig beschämt. „Das war deutlich“, sagte er schließlich. „Das musste deutlich sein“, antwortete Schöbel, „weil es bis heute nicht verstanden wurde.“
Fazit: Mehr als nur Fernsehen
Dieser Auftritt von Frank Schöbel war kein Skandal im herkömmlichen Sinne. Es war kein Pöbeln, kein Krawall. Es war ein Akt der Selbstbehauptung. Über drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung zeigte dieser Abend, wie tief die Verletzungen noch immer sitzen – und wie sehr das Bedürfnis nach Anerkennung der ostdeutschen Lebensleistung noch immer brennt.

Frank Schöbel hat an diesem Abend bei Markus Lanz nicht nur für sich gesprochen. Er hat Millionen Ostdeutschen eine Stimme gegeben, die sich oft genug als Bürger zweiter Klasse gefühlt haben. Er hat gezeigt, dass man Geschichte nicht umschreiben lassen darf und dass Respekt keine Himmelsrichtung kennt. Ein TV-Moment, der nachhallt und hoffentlich dazu beiträgt, dass wir uns endlich auf Augenhöhe begegnen. Denn wie Schöbel richtig sagte: Die Geschichte vom „armen Osten“ ist vielleicht bequem, aber sie war nie wahr.